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Naturschützer als Wasserläufer im Landkreis Kusel - BUND-Projekt vernetzt Wissenschaft und Ehrenamt

Von Wolfgang Frey und Jan Fickert

 

(Entnommen aus: Westrichkalender Kusel 2009, S. 185-189, ohne Abbildungen)

 

 

 

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist der größte deutsche Umweltverband und deutsche Sektion von Friends of the Earth International. Über 30 Jahre tritt er bereits auf den verschiedensten Ebenen aktiv für den Schutz der Natur und Umwelt ein. In 2200 Gruppen und Initiativen setzen engagierte und kompetente Menschen Zeichen für den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Auch in unserem Landkreis engagiert sich seit vielen Jahren eine BUND-Gruppe in der Naturschutzarbeit. Im Jahre 2000 haben einige dieser Aktiven das aus dem Jahre 1904 stammende Stellwerks- und Schrankenwärtergebäude in St. Julian erworben, renoviert und darin ein Naturschutz- und Informationszentrum (NIZ) eingerichtet. Die um die 100 Mitglieder zählende Kreisgruppe lädt hier jährlich zu Gruppentreffen, Informationsveranstaltungen, Ausstellungen, naturkundlichen Exkursionen, Wanderungen und Radtouren ein. Das schmucke Gebäude in St. Julian wird auch gerne anderen interessierten Gruppen zur Verfügung gestellt und zahlreichen ökologisch interessierten Kurzurlaubern bietet der BUND auf der Fahrt mit der Draisine eine interessante Anlaufstelle. Besonders in den letzten Jahren hat sich bei den Aktiven das Bedürfnis verstärkt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten eigene Naturschutz-Projekte voranzutreiben und der Öffentlichkeit konkrete positive Vorschläge zu unterbreiten. Die Gruppe möchte damit das Bewusstsein über den Zustand der Natur vor unserer Haustür wecken und für den schonenden Umgang mit unseren heimischen Lebensräumen plädieren. Besondere Schwerpunkte der Vereinsarbeit waren in den vergangenen beiden Jahren neben vielfältigen interessanten Programmangeboten zu Natur, Kultur und Genuss u.a. die erfolgreiche Teilnahme an der bundesweiten Aktion „Abenteuer Faltertage“ sowie das noch laufende Wasserläufer-Projekt, auf das nun näher eingegangen werden soll.

 

Seit Anfang 2007 ist die Kuseler Kreisgruppe als „Wasserläufer“ an zwei Bachsystemen des Landkreises unterwegs. Sie sind damit in ein landesweites Projekt eingebunden, in welchem ehrenamtlich Tätige die insgesamt 26 Projektgewässer in Rheinland-Pfalz auf verschiedenste Art und Weise untersuchen. Unterstützt werden sie dabei von den Gewässerökologen des Büros ProLimno, ebenfalls ansässig im Kreis Kusel, nämlich in Rehweiler. Die gemeinsame Arbeit mit den Wissenschaftlern führt zu gegenseitigem Nutzen. Einerseits lernen die Wasserläufer in entsprechenden Schulungen und bei gemeinsamen Begehungen jede Menge über das Ökosystem Fließgewässer, andererseits profitiert die Wissenschaft von den Beobachtungen der Wasserläufer, die in diesem Umfang landesweit nicht finanzierbar wären.

 

Ziel ist es, mehr über Struktur und Biologie von möglichst naturnahen Bächen und Flüssen zu erfahren, den so genannten Referenzgewässern. Denn es ist wichtig für die Beurteilung aller Fließgewässer, den unbeeinflussten Zustand zu kennen. Durch die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie hat der Gewässerschutz an Bedeutung gewonnen. So müssen alle Fließgewässer, die den „guten ökologischen Zustand“ nicht einhalten, innerhalb bestimmter Fristen durch geeignete Maßnahmen verbessert werden. Das Wasserläufer-Projekt wird daher auch finanziell durch das Ministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz unterstützt. Der „gute ökologische Zustand“ löst die klassische Gewässergüte ab und wird wie auch diese über biologische Größen gemessen. Neben den wirbellosen Tieren der Gewässersohle, die bei der Beurteilung der Wasserqualität auch früher die entscheidende Rolle spielten (der so genannte Saprobienindex wird über deren Vorkommen bestimmt), werden jetzt auch Fische, Wasserpflanzen und -algen zur Gewässerbewertung herangezogen. Dabei zeigen diese nicht nur den Verschmutzungsgrad des Wassers, sondern auch andere Belastungen (z.B. Versauerung und Überdüngung) und vor allem strukturelle Schädigungen an. Es sind nämlich gerade die Auswirkungen von Gewässerausbau und -begradigung, übermäßiger Gewässerpflege (z.B. durch die Entfernung von Totholz), Entfernung der Ufergehölze und vieler weiterer Nutzungsansprüche durch den Menschen, die die Lebensmöglichkeiten vieler Gewässerorganismen eingeschränkt haben. 

Eine landesweite Auswahl ergab, dass der Breitbach bei Oberweiler-Tiefenbach und der Oberlauf des Bosenbachs hinsichtlich ihrer strukturellen Vielfalt und durch das Fehlen anderer Belastungen Vorzeigebäche für den Naturraum Nordpfälzer Bergland sein könnten. Um dies zu prüfen wurde 2007 von den Wasserläufern die strukturelle Vielfalt untersucht und dargestellt. Gemeinsam mit den Gewässerökologen erfolgte die Erfassung der wirbellosen Tiere, der Wasserpflanzen und der nur mikroskopisch kleinen Kieselalgen.

 

Naturnahe, d.h. sowohl durch stoffliche als auch durch Struktur verändernde Maßnahmen unbeeinflusste Gewässer sind im stark landwirtschaftlich geprägten Kreis Kusel selten anzutreffen, meist nur im obersten, quellnahen Bereich. So zählen auch die beiden hier ausgewählten Referenzstrecken mit einer Breite von unter 1 m zu den kleinsten Fließgewässern des landesweiten Projektes.

 

Der Breitbach bei Oberweiler-Tiefenbach fließt durch einen bodenständigen Laubwald und hat im untersuchten Bereich des Referenzgewässers auf 600 m Länge ein Gefälle von ca. 66 m.  Die Böschungen des Kerbtales sind überwiegend sehr steil und das Gewässer ist daher schwer zugänglich. Durch das Gefälle entsteht ein sehr dynamisches Fließverhalten, das durch Stillwasserzonen und überstürzendes Wasser, sowie Verengungen durch Felssporne, Prallbäume und Treibholzverklausungen, sowohl eine große Breiten- wie auch Tiefenvarianz besitzt. Das Sohlenmaterial ist entsprechend abwechslungsreich und besteht aus Blöcken, Steinen und Kiesen, in Tiefwasserzonen auch aus Sand, das Ganze überlagert durch reichhaltiges organisches Material aus Zweigen, Laub und deren Zersetzungsprodukte. Teilweise wird auch der anstehende Fels überströmt.

 

Der Bosenbach ist ein typischer Mittelgebirgsbach im Nordpfälzer Bergland. Das Gelände ist im Oberlauf mit Laubmischwald bestockt, im Mittel- und Unterlauf wird der Bachlauf von Mähwiesen und Viehweiden begleitet und dort meist von natürlichem Ufergehölz (Erlen und Weiden) gesäumt. Im Mittellauf fließt der Bach durch den Ort Bosenbach, wo er in Betonschalen gezwängt ist. Der näher untersuchte strukturelle Referenzabschnitt hat eine Länge von 400 m und liegt ca. 800 m oberhalb des Ortes Bosenbach im Übergangsbereich von Wiesen zu Wald. Im Wald zeigt der Bach eine starke Dynamik. Hier kann man davon ausgehen, dass die Fläche vor ca. 40 bis 50 Jahren noch als Wiese genutzt wurde und sich nun zu einem Erlen-Auwald mit krautreicher Bodenvegetation entwickelt hat. Schilfpflanzen, gelbe Schwertlilien, Springkraut und Brennnesseln gedeihen prächtig auf dem humusreichen Boden. Hier sucht sich der Bach immer wieder einen neuen Verlauf, was an den vielen Ausschwemmungen zu erkennen ist. Im Frühsommer war dort eine Vielzahl von Amphibienlarven des Feuersalamanders, der Erdkröte und des Grasfroschs zu entdecken. Der untere Teil schlängelt sich zwischen Wald und Nutzwiese und zeigt ausgeprägte Gleit- und Prallufer. Totholz als Struktur bildendes Element ist reichhaltig vorhanden.

 

Die biologischen Untersuchungen durch das Team von ProLimno bestätigten den hervorragenden ökologischen Zustand der beiden kleinen Gewässer. Erwähnenswert ist die enorme Artenvielfalt bei den Kieselalgen am Bosenbach – 13 Arten konnten unterschieden werden – und die zahlreichen an quellnahe steinige Bäche angepassten Köcherfliegen-Arten am Breitbach, wie z.B. die bundesweit gefährdete Micropterna testacea, die auch ein zeitweiliges Trockenfallen des Baches verkraften kann.

 

Nach der Erhebung der strukturellen sollte 2008 nun von den Wasserläufern selbst die biologische Vielfalt weiter untersucht werden. Es wurden die Vorkommen wichtiger Tiere, die nur in naturnahen Gewässersystemen vorkommen, so genannte Leitarten, untersucht. Dies sind beispielsweise Eisvogel, Wasseramsel, Feuersalamander, die selten gewordenen Flusskrebse und einige Libellenarten, aber auch gewöhnlich nicht bewusst wahrgenommene Tiere wie Köcher-, Stein- und Eintagsfliegen. Die beiden Untersuchungsgebiete wurden auf eine Strecke von jeweils ca. 10 km ausgeweitet und umfassten noch Teile des Reichenbachs, des Glans und der Lauter. So konnte man dort an lauen Sommerabenden mit Kescher und Fernglas bewaffnete Gruppen beim Insektenfang beobachten.

 

Der bislang eindrucksvollste Fund gelang an der Lauter mit dem Nachweis und dem gelungenen Fotoportrait der Gemeinen Keiljungfer. Die Art gilt nach der Roten Liste als vom Aussterben bedroht, zeigt sich jedoch in den letzten Jahren wieder häufiger und besiedelt nun offensichtlich auch schon die Lauter.

 

Wichtige Erkenntnis der Gruppe war, dass selbst die entlegenen strukturreichen Vorzeigegewässer vor massiven Beeinträchtigungen nicht gefeit sind. So diente das enge Kerbtal des Breitbachs offensichtlich einem Moto-Cross-Freund als sportliche Herausforderung. Am Bosenbach wurde ein vorher besonders strukturreicher Abschnitt von einem Landwirt überzäunt und dann durch starken Viehtritt zunichte gemacht.

 

Zum GEO-Tag der Artenvielfalt, an dem auch die BUND-Kreisgruppe wie Tausende andere Naturfreunde jedes Jahr einen bestimmten Biotop auf deren Arteninventar untersucht, hat man sich am 14.06.2008 folgerichtig auch für die Untersuchung der Lebewelt im Wasser entschieden, nämlich die des Glans unmittelbar am BUND-eigenen Stellwerksgebäude in St. Julian. Neben Schüsseln mit hausgemachter Linsensuppe waren so auch zahlreiche Gefäße mit interessanten Wassertieren zu bewundern. Die Auswertung überraschte, zeigt sie doch den Glan in einem sehr positiven Licht. Es wurden mehrere sehr anspruchsvolle Arten entdeckt, wie z.B. eine Larve der Kleinen Zangenlibelle, die, wie die oben erwähnte Keiljungfer, als vom Aussterben bedroht gilt. Zu den wirbellosen Kleintieren konnten mit Gründling, Schmerle, Elritze und Groppe auch noch vier Kleinfischarten nachgewiesen werden. Die Groppe als empfindlichste Art zeigt dabei eine für die Größe des Gewässers hervorragende Wasserqualität und naturnahe Sohlenbeschaffenheit an.

 

Die Wasserläufer-Untersuchungen finden noch bis ins Frühjahr 2009 hinein statt, so dass erst danach abschließend über die Ergebnisse berichtet werden kann. Schon jetzt lässt sich sagen, dass die bisher gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen für Ehrenamtliche und Wissenschaftler als sehr fruchtbar angesehen werden können. Auf der von der Landesgeschäftsstelle eigens eingerichteten Homepage http://www.wildbach-rlp.de/ können sich Interessierte über die bisherige Arbeit aller regional arbeitenden Ehrenamtsgruppen in Rheinland-Pfalz informieren. Die Seite wird ständig weiterentwickelt. Die Ergebnisse des Geo-Tages 2008 vom Glan in St. Julian wurden auch ins Internet gestellt, nämlich auf die Seite www.geo-artenvielfalt.de/aktionen/2008/BUND_Naturschutzzentrum_St_Julian.

 

In Zukunft gilt für alle Fließgewässer in Rheinland-Pfalz nach europäischem Recht ein Verschlechterungsgebot. Das Land muss also dafür sorgen, dass sich seine Gewässer zumindest nicht in ihrer Wasser- oder Lebensraumqualität verschlechtern. Der Vorsitzende der BUND-Kreisgruppe Kusel Winfried Sander bringt die Hoffnungen der Wasserläufer wie folgt auf den Punkt: „Wir hoffen sehr, dass es damit auch für die Natur an gestörten und stark vom Menschen beeinträchtigten Gewässern nur aufwärts gehen kann“.

 

Die BUND-Gruppe engagiert sich weiter, denn diese Arbeit ist wichtig, macht Spaß und man lernt ständig Neues dazu. Gesucht werden von der Kreisgruppe auch weiterhin aktive Mitstreiter im Einsatz für die Natur, denn gute Naturschutzarbeit ist – auch auf lokaler und regionaler Ebene – nur möglich durch Engagement und Einsatzbereitschaft.

Kontakt:

BUND-Kreisgruppe Kusel

Wingertstraße 16

66887 Rutsweiler/Glan

Telefon: 06381-47323

 

Abbildungen:

Fotos (Wasserläufer der BUND-Kreisgruppe Kusel), Freihandskizze (Julia Vladimirova)



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